
Etiketten der großen Champagnerhäuser
Wenn man sich die Etiketten der großen Champagnerhäuser ansieht, fällt etwas auf. Heidsieck. Bollinger. Krug. Mumm. Deutz. Das sind keine typisch französischen Namen. Im Gegenteil: Sie klingen deutsch. Und das ist kein Zufall.
Im 18. und 19. Jahrhundert strömten zahlreiche deutsche Unternehmer in die französische Champagne, angetrieben von Ehrgeiz, Geschäftssinn und Liebe zum Wein. Einige stammten aus rheinischen Winzerfamilien, andere aus dem Mainzer oder Aachener Kaufmannsmilieu. Was sie gemeinsam hatten? Ein scharfes Auge für Qualität und eine internationale Ausrichtung - genau das, was die Champagne damals brauchte.
Denn seien wir ehrlich: Damals war der Champagner noch lange nicht die Ikone, die er heute ist. Die Region befand sich in einer Wachstumsphase, die Technologie entwickelte sich und der internationale Markt musste erst noch erobert werden. Es waren genau diese Deutschen, die dazu beitrugen, den Champagner zu professionalisieren, zu strukturieren und zu exportieren. Sie führten Standards ein, brachten eine kommerzielle Mentalität mit und gaben ihren Häusern eine eigene Handschrift - ohne dabei das französische Terroir aus den Augen zu verlieren.
In diesem Blog tauchen wir in die Geschichten hinter diesen bekannten Namen ein. Keine trockene Geschichtsstunde, sondern lebendige Porträts von Unternehmern, die für ihre Vision alles riskierten. Von Florens-Louis Heidsieck und seinem königlichen Traum bis hin zu Joseph Krug, der seine eigenen Regeln schrieb. Von den Abenteuern des “Champagne Charlie” bis zum diplomatischen Drama um die Brüder Mumm während des Krieges.
Denn hinter jeder Flasche steckt eine Geschichte. Und in diesen Fällen eine Geschichte, die über die Grenzen hinausreicht.
Teil 1: Das Heidsieck-Epos
Es gibt nur wenige Namen in der Champagne, die die Phantasie so sehr anregen wie Heidsieck. Oder besser gesagt, die Heidsiecks. Denn hinter diesem klangvollen Namen stehen nicht nur ein, sondern drei große Häuser. Alle mit deutschen Wurzeln. Alle mit einer einzigartigen Geschichte. Und alle sind heute noch aktiv. Wir beginnen im Jahr 1785. Florens-Louis Heidsieck, geboren in Westfalen, ließ sich in Reims als Textilhändler nieder. Aber sein Herz gehörte dem Wein. Sein Ziel? Einen Wein zu machen, der “einer Königin würdig ist”. Mit seiner ersten Cuvée überzeugt er sogar Marie-Antoinette. Sein Ruhm ist geboren und mit ihm die Grundlage für eine Marke, die Jahrhunderte überdauern wird.
Heidsieck ist ehrgeizig und denkt international. Er versteht die Bedeutung von Stil, Präsentation und Konsistenz, Eigenschaften, die sich noch heute in der Heidsieck-Bewegung in der Champagne widerspiegeln. Nach dem Tod von Florens-Louis geht das Familienunternehmen in verschiedene Richtungen. Seine Cousins und Schwiegereltern gründen ihre eigenen Häuser, alle mit Variationen desselben Namens:
Heidsieck & Co Monopole (gegründet 1785, wiederaufgebaut von Henri-Guillaume Piper) Piper-Heidsieck (formell gegründet 1834 nach der Heirat zwischen Henri-Guillaume Piper und einer Cousine von Florens-Louis). Charles Heidsieck (gegründet 1851 von Charles-Camille Heidsieck, dem Enkel eines der Brüder) Diese Aufteilung schafft Verwirrung, aber auch Vielfalt. Jedes Haus entwickelt seinen eigenen Stil. Monopole setzt auf Struktur und Fruchtigkeit, Piper-Heidsieck auf lebendigen Ausdruck und Zugänglichkeit, und Charles Heidsieck... das wird reines Geschichtenerzählen.
Charles-Camille Heidsieck, besser bekannt als “Champagne Charlie”, ist zweifellos die schillerndste Figur der Familie. Er reist in den 1850er Jahren in die Vereinigten Staaten, zu einer Zeit, als dort noch niemand etwas von Champagner gehört hat. Er baut ein Netzwerk auf, wird sogar in den amerikanischen Bürgerkrieg verwickelt und landet kurzzeitig im Gefängnis. Dennoch gelingt es ihm, den Champagner als Luxusprodukt auf dem amerikanischen Markt zu etablieren.
Sein Vermächtnis lebt im reichen, lang gereiften Stil von Charles Heidsieck weiter, der heute von Kennern für seine tiefen, zurückhaltenden Aromen, seine cremige Mousse und seine bemerkenswerte Ausgewogenheit geschätzt wird. Die drei Heidsieck-Häuser existieren noch immer, jedes mit seinem eigenen Kurs. Aber sie haben einen gemeinsamen Ursprung: den deutschen Unternehmergeist von Florens-Louis. Und den kann man spüren. In der Präzision der Mischungen. Im Streben nach Perfektion. Und in dem internationalen Flair, das diese Häuser noch immer auszeichnet.
Wer heute eine Flasche Piper, Monopole oder Charles öffnet, schmeckt mehr als Champagner. Man schmeckt eine Geschichte. Und diese Geschichte beginnt mit einem Deutschen in Reims, mit einem Traum und einer Mission.
Teil 2: Joseph Krug kompromisslose Perfektion, geboren in Mainz
Wenn man von kompromisslosem Champagner spricht, landet man schnell bei Krug. Der Mann hinter dem Haus, Joseph Krug, war ein deutscher Bankierssohn aus Mainz. Er kam in den 1840er Jahren nach Reims, zu einer Zeit, als die Champagne noch ganz auf der Suche nach ihrer Identität war. Krug hatte ein Ziel: Er wollte einen Champagner herstellen, der sich jedes Jahr durch seine Qualität auszeichnete, unabhängig von Wetter, Ernte und anderen Launen der Natur.
Was Krug einzigartig macht, ist, dass er “keinerlei Zugeständnisse” machen wollte. Nicht beim Geschmack, nicht beim Stil und schon gar nicht bei der Konsistenz. Für Joseph Krug war Champagner kein saisonales Produkt, sondern ein Ausdruck von Handwerkskunst. In einer Zeit, in der viele Häuser von der Qualität einer Ernte abhängig waren, arbeitete er an einem System von umfangreichen Reserveweinen. Weine aus verschiedenen Jahren, Trauben und Parzellen, die sorgfältig konserviert und mit chirurgischer Präzision verschnitten wurden.
Krug verstand besser als jeder andere, dass wahre Qualität kein Zufall ist, sondern Vorbereitung. Er führte akribisch ein Buch, in dem er seine Philosophie niederschrieb. Diese Notizen bilden noch heute das Fundament des Hauses. Das ist auch der Grund, warum jede Flasche Krug eine einzigartige Geschichte erzählt. Die **Grande Cuvée**, das Flaggschiff des Hauses, ist kein klassischer Brut ohne Jahrgang, sondern eine kunstvolle Mischung aus manchmal bis zu 20 verschiedenen Jahren und 200 verschiedenen Weinen.
Sein Ansatz war für die damalige Zeit revolutionär. Während andere Häuser vor allem Volumen produzieren wollten, machte sich Krug einen Namen für Geduld, Tiefe und Luxus. Er entschied sich für die Gärung in kleinen Eichenfässern, was zu jener Zeit ungewöhnlich war, aber perfekt für die Entwicklung von Komplexität und Textur. Und er liebte den Pinot Noir wegen seiner Struktur, setzte aber auch immer Chardonnay und Meunier in ausgewogenen Anteilen ein. Alles im Dienste der Harmonie.
Joseph Krug starb 1866, hinterließ aber ein Haus, das seiner Philosophie treu blieb. Generation für Generation dachte Krug unabhängig weiter. Selbst nach der Übernahme durch LVMH in den 1990er Jahren blieb dieser Charakter erhalten. Jede Flasche Krug ist eine Hommage an Josephs ursprünglichen Gedanken: dass Champagner am besten ist, wenn er nicht dem Zufall unterliegt, sondern einer Vision.
Heute ist Krug vielleicht das von Feinschmeckern, Köchen und Sommeliers am meisten geschätzte Haus. Nicht wegen des Marketings, sondern wegen der Substanz. Krug trinkt man nicht einfach so. Man trinkt ihn, wenn man wirklich etwas erleben will. Wenn man schmecken will, was passiert, wenn sich ein Mann weigert, sich jemals mit “gut genug” zufrieden zu geben.
Teil 3: Mumm, Ruhm, Verlust und ein rotes Band des Stolzes
Wenn es ein Champagnerhaus gibt, das die Höhen und Tiefen der Geschichte erlebt hat, dann ist es dieses Mumm. Das Haus wurde 1827 von drei deutschen Brüdern aus Köln gegründet: **Jacobus, Gottlieb und Philipp Mumm**. Sie stammten aus einer rheinischen Winzerfamilie und sahen in der Champagne eine einzigartige Gelegenheit, ihr Geschäft zu erweitern. Was als gut organisiertes deutsches Unternehmen begann, entwickelte sich bald zu einem der bekanntesten Namen in der Welt des Champagners.
Die Brüder hatten eine klare Vision. Sie wollten keine durchschnittlichen Schaumweine verkaufen, sondern einen Wein, der Eleganz mit Kraft verbindet. Und das taten sie mit Disziplin. Deutsche Solidität, kombiniert mit französischer Finesse. Mumm baute ein beeindruckendes Netzwerk in Europa und weit darüber hinaus auf. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts floriert das Haus, auch dank seiner ikonischen Cuvée: **Cordon Rouge**.
Das rote Band am Flaschenhals? Dieses Band ist nicht nur dekorativ. Das “cordon rouge” bezieht sich auf die Ehrenlegion, Frankreichs höchste Auszeichnung. Mumm verwendete das Band als Symbol für Exzellenz. Und es hat funktioniert. Das Cordon Rouge wurde zum Aushängeschild des Hauses, das von Königen, Adeligen und später dem internationalen Jet-Set geliebt wurde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Mumm das beliebteste Champagnerhaus Frankreichs.
Doch die Erfolgsgeschichte hatte auch eine dunkle Seite. Während des Ersten Weltkriegs wurden die Brüder Mumm trotz ihrer langjährigen Präsenz in Reims als “feindliche Ausländer” betrachtet. Der französische Staat entzieht ihnen die Kontrolle über ihr eigenes Haus. Der Name blieb, aber die Familie verlor alles. Mumm wird ohne die ursprünglichen Gründer weitergeführt. Ein bitteres Schicksal, aber das Haus lebt weiter.
Dennoch gelang es Mumm, seinen Ruf zu erhalten und sogar zu stärken. Unter neuen Eigentümern wurde die Marke als dynamisches, progressives Champagnerhaus neu positioniert. Heute gehört sie zur Gruppe Pernod Ricard, und obwohl sich der Charakter verändert hat, ist die Grundphilosophie immer noch erkennbar: ausdrucksstarke, energiegeladene Champagner mit einem frischen, geradlinigen Stil.
Cordon Rouge ist immer noch das Gesicht des Hauses. Ein Champagner, den man sofort an seiner lebendigen Säure, den knackigen weißen Früchten und dem subtilen Toast erkennt. Hergestellt mit einem hohen Anteil an Pinot Noir, der ihm Struktur und Spannung verleiht. Ideal als Aperitif, aber auch als Begleiter von z.B. Jakobsmuscheln oder Sushi.
Interessanterweise ist Mumm in letzter Zeit wieder ins Rampenlicht gerückt, nicht wegen einer neuen Cuvée, sondern weil das Haus seit einiger Zeit zum Verkauf steht. Pernod Ricard ist auf der Suche nach einem Käufer, und so ist die Zukunft dieses historischen Hauses wieder einmal in der Schwebe. Wer der nächste Besitzer sein wird, ist noch unklar, aber es ist klar, dass Mumm immer noch zu den großen Namen gehört. Nicht nur wegen seiner Vergangenheit, sondern auch wegen seines Potenzials. Mumm erzählt die Geschichte von Pioniergeist, Prestige und Verlust. Aber auch von Beharrlichkeit. Das rote Band auf der Flasche ist mehr als ein Marketingtrick. Es ist ein Ehrenzeichen für ein Haus, das alles verloren hat, aber niemals seinen Namen oder seinen Stolz.
Teil 4: Bollinger Präzision aus Deutschland, Kraft aus Montagne und Eleganz mit britischem Flair
Bollinger ist ein Name, der sofort Kraft ausstrahlt. Er klingt robust, seriös, fast wie ein Gütesiegel. Doch die Ursprünge dieses Stempels sind überraschend: Alles begann mit einem jungen Deutschen, **Jacques Bollinger**, der sich im 19. Jahrhundert in Aÿ niederließ. Was er dort baute, wurde zu einem weltberühmten Haus, das von James Bond, Britische Royals und Liebhaber von edlem Champagner weltweit.
Der Grundstein wurde 1829 gelegt, als ein Triumvirat gegründet wurde: Jacques Bollinger, der französische Aristokrat Hennequin de Villermont und der Weinhändler Paul Renaudin. Bollinger brachte die Entschlossenheit, Villermont das Netzwerk und Renaudin das kommerzielle Know-how mit. Das Trio bildet eine starke Kombination, doch schon bald wird Jacques' Name zum Gesicht des Hauses.
Der deutsche Einfluss blieb nicht lange im Vordergrund. Bollinger entschied sich bald für einen deutlich französischen Stil, mit dem Schwerpunkt auf Pinot Noir aus der Montagne de Reims, kraftvoll, muskulös, aber immer ausgewogen. Dies machte das Haus bei Kennern, die Struktur und Tiefe lieben, beliebt. Die lange Reifung in der Flasche, die Gärung auf Korken statt auf der Krone und die Verwendung von Holzfässern für die Weinbereitung sind auch heute noch typische Elemente von Bollinger.
Eine Schlüsselfigur in der Geschichte von Bollinger ist Lily Bollinger, die Witwe von Jacques’ Enkel. Nach seinem Tod im Jahr 1941 übernahm sie das Unternehmen zu einer Zeit, als Frauen nur selten Champagnermarken leiteten. Aber Lily war alles andere als eine klassische Witwe. Sie reiste mit dem Fahrrad durch das Land, besuchte jedes Weingut persönlich und hütete den Stil des Hauses mit strenger Hand. Ihr berühmtes Zitat bringt den Geist von Bollinger perfekt auf den Punkt:
Ich trinke Champagner, wenn ich glücklich bin, und wenn ich traurig bin. Manchmal trinke ich ihn, wenn ich allein bin, wenn ich Gesellschaft habe, wenn ich nicht hungrig bin und wenn ich es bin. Ansonsten rühre ich ihn nie an es sei denn, ich bin durstig.
Unter Lilys Herrschaft entwickelte sich Bollinger zu einer internationalen Ikone. Nicht zuletzt dank seiner Verbindungen zu Großbritannien. Bollinger erhielt die Bezeichnung Königlicher Haftbefehl und wurde offizieller Lieferant des britischen Königshauses. Sein Stil entsprach perfekt dem britischen Geschmack: reich, reif, voll und doch raffiniert.
Bis heute ist Bollinger seinen Wurzeln treu geblieben. Die Cuvée Besondere Cuvée ist ein Verschnitt aus Pinot Noir, Chardonnay und Meunier, aber immer mit einer hohen Pinot-Dominanz. Der Wein wird mindestens drei Jahre lang "sur lattes" ausgebaut und enthält eine relativ niedrige Dosage (in der Regel etwa 7 g/l), was dem Wein Spannung und Präzision verleiht. Viele Grundweine werden in alten Eichenfässern vinifiziert, was zu einem breiten, leicht oxidativen Charakter beiträgt.
Bollinger ist ein Champagner für Liebhaber, die Tiefe lieben. Nicht auffällig oder verspielt, sondern vielschichtig, ernsthaft und langlebig. Es ist ein Haus, das Trends ablehnt und seinen eigenen Überzeugungen treu bleibt. Genau wie Jacques. Genau wie Lily. Und wie der Pinot Noir, um den sich alles dreht.
Bis heute ist Bollinger seinen Wurzeln treu geblieben. Die Cuvée Special Cuvée ist das pulsierende Herz des Hauses. Man schätzt, dass dieser Champagner etwa 95% der gesamten Produktion und des Umsatzes von Bollinger ausmacht. Die Mousse ist fein, die Säuren sind lebendig, und die Tiefe ist für einen Nicht-Jahrgang beispiellos. Und ganz ehrlich? Der Special Cuvée ist definitiv einer meiner persönlichen Favoriten. Nicht nur wegen seiner Komplexität, sondern auch, weil er immer überzeugt: egal, ob Sie ein kulinarisches Dinner auf den Tisch bringen oder einfach nur ein Glas purer Klasse genießen möchten.
Teil 5 : Deutz dezente Klasse aus Aachen
Deutz ist ein Haus, das Sie vielleicht nicht als erstes mit großen Namen anspricht, aber wenn Sie es einmal kennengelernt haben, werden Sie es nicht so schnell vergessen. Hinter dem raffinierten Stil, den schlichten Flaschen und den eleganten Schaumweinen steht die Geschichte zweier deutscher Unternehmer: William Deutz und Pierre-Hubert Geldermann, beide aus Aachen. Im Jahr 1838 ließen sie sich in Aÿ, Im Herzen der Champagne hat er sich auf ein stilles, aber entschlossenes Abenteuer eingelassen.
Von Anfang an war Deutz kein Haus des großen Marketings, des lauten Beifalls oder der auffälligen Aussagen. Es war ein Haus der Präzision, des Vertrauens in die Qualität. William Deutz hatte als Kellermeister bei Bollinger Erfahrungen gesammelt und brachte dieses Fachwissen in sein eigenes Projekt ein. Zusammen mit Geldermann baute er eine Domäne auf, die ihren Ruf in der gastronomischen Welt begründen sollte.
Von Anfang an war der Stil von Deutz subtil, ausgewogen und harmonisch. Keine auffälligen Säuren, keine übermäßige Oxidation. Alles dreht sich um das Gleichgewicht. Die Hauptrolle spielt der Pinot Noir, der aus den Grand Cru- und Premier Cru-Lagen um Aÿ, Bouzy und Ambonnay stammt. Aber auch Chardonnay wird großzügig verwendet, vor allem bei den Prestige-Cuvées. Die Grundweine werden in Edelstahl vergoren, wodurch die Frucht schön rein bleibt. Die Reifung ist lang, die Brut Klassisch ruht für mindestens 36 Monate sur lattes und die Dosierung ist verfeinert und übersteigt selten 8 Gramm pro Liter.
Das Besondere an Deutz ist, dass das Haus trotz seines bescheidenen Profils eine große kulinarische Wirkung hat. In Sternerestaurants ist es oft ein fester Bestandteil der Speisekarte. Nicht, weil er heraussticht, sondern weil er richtig ist. Der Champagner ist ein Gourmet, elegant und geschmeidig genug, um als Aperitif zu dienen, aber auch breit genug, um Gerichte zu begleiten.
Der Brut Classic ist das Flaggschiff des Hauses. Ein Verschnitt aus mehreren Jahrgängen mit Pinot Noir als Rückgrat und einer cremigen, weichen Textur. Man schmeckt weiße Früchte, leichtes Toastbrot, etwas Brioche und vor allem viel Finesse. Es ist ein Champagner, der nicht müde macht, sondern verführt. Ideal zu leichten Fischgerichten, Sashimi oder Geflügel mit Sahnesauce.
Bemerkenswerterweise hat Deutz erst seit den 1990er Jahren international richtig Fahrt aufgenommen. Lange Zeit blieb es vor allem ein Insiderhaus, geliebt von französischen Kennern und deutschen Feinschmeckern. Die Übernahme durch die Familie Rouzaud, die auch Eigentümer von Louis Roederer ist, brachte eine neue Dynamik, ohne den Stil zu verändern. Im Gegenteil: Die Identität von Deutz wurde gestärkt.
Heute ist Deutz ein Beispiel dafür, wie sich deutsche Präzision, französische Eleganz und jahrelange Hingabe in einem Glas Champagner vereinen, das Sie schweigen lässt. Kein Aufhebens. Keine großen Erzählungen. Einfach nur Klasse, rein und gelassen.
Für diejenigen, die wirklich entdecken wollen, was Deutz zu leisten imstande ist, gibt es die Prestige-Cuvée Die Liebe zu Deutz. Dieser Blanc de Blancs, der ausschließlich aus Chardonnay von Grand-Cru-Lagen wie Avize, Le Mesnil-sur-Oger und Cramant hergestellt wird, ist eine Ode an die Raffinesse. Der Name bezieht sich auf den Liebesengel, der das Etikett ziert, aber auch auf die Finesse und Weichheit im Glas.
Amour de Deutz ist alles andere als ein Kraftpaket. Es ist ein Champagner, der eher flüstert als schreit. Die Textur ist seidig, die Mousse äußerst fein und die Aromen reichen von weißen Blüten bis zu Zitrusfrüchten, von Mandeln bis zu frischer Butter. Nach einer Reifung von mindestens fünf Jahren auf Milchkaffee entwickelt er eine Komplexität, die immer wieder fasziniert, ohne jemals schwer zu werden.
Es ist eine Cuvée für Liebhaber der reinen Eleganz. Und ein wunderbares Beispiel dafür, wie subtil großartig sein kann.
Teil 7: Verlorene Namen
- Geldermann (Reims)
Geldermann begann zusammen mit Deutz in Aÿ. Nachdem sich die Familien getrennt hatten, wurde der Name Geldermann nach Deutschland verlegt. Dort existiert er noch als Geschlechtshaus, ist aber nicht mehr Teil der Champagne. In Frankreich verschwand der Name vollständig von der Bildfläche. Pierre-Hubert Geldermann verschwindet somit ein wenig aus der Geschichte, obwohl er Deutz mitbegründet hat.
- Kunkelmann (Reims)
Ein Name, den heute kaum noch jemand kennt, der aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Reims aktiv war. Dieses Haus wurde von einer deutschen Familie aus Bayern gegründet. Der Erste Weltkrieg bedeutete das Ende: Der Name wurde während des Konflikts als “feindliches Eigentum” beschlagnahmt, wie es auch bei Mumm der Fall war, aber in diesem Fall ohne Rückerstattung. Der Name verschwand vollständig von der Bildfläche.
- Lantz & Co ( Epernay)
Gegründet im frühen 19. Jahrhundert von dem deutschen Geschäftsmann Friedrich Lantz. Die Firma war in Épernay ansässig und belieferte weite Teile Mitteleuropas. Nach dem Ersten Weltkrieg verschwand die Marke, vermutlich aufgrund der antideutschen Stimmung. Es gibt kaum noch Unterlagen darüber, aber man findet den Namen gelegentlich auf alten Flaschen in Auktionshäusern.
- Riedel & Cie (Reims)
Nicht zu verwechseln mit den berühmten Glaswaren aus Österreich. Riedel war ein deutsches Haus in Reims im späten 19. Jahrhundert, das sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen guten Ruf erworben hat. Nach dem Ersten Weltkrieg verschwand es aus den Büchern. Auch hier war wahrscheinlich die Verstaatlichung der Grund für sein Verschwinden.
Endlich eine nachhaltige Wirkung
Sie kamen aus Mainz, Aachen, Köln. Mit Koffern voller Wissen, Handelssinn und einem Traum, der größer war als die Grenzen. Die Deutschen, die sich im 18. und 19. Jahrhundert in der Champagne niederließen, hinterließen mehr als nur ihren Nachnamen auf einem Etikett. Sie brachten Struktur, Visionen und vor allem: Mut. Sie wagten es, Dinge anders zu machen. Wie Joseph Krug, der sich nicht von der Ernte eines Jahres einschränken ließ. Oder Charles Heidsieck, Er war der erste, der sich mit seinen Flaschen nach Amerika wagte. Sie bauten ihre Häuser nach Prinzipien. Nicht auf Mode, nicht auf Zufall, sondern auf Entscheidungen. Das spürt man noch heute in jeder Cuvée von Krug, Bollinger oder Deutz.
Was diese deutschen Pioniere gemeinsam hatten, war ein ausgeprägter Sinn für Qualität und eine internationale Perspektive. Sie dachten über Reims oder Épernay. Sie glaubten, die Champagne könne es mit der Welt aufnehmen, und sie hatten Recht. Ihr Einfluss ist bis heute ungebrochen. Nicht nur im Stil der Champagner, sondern auch in der Mentalität der Häuser: hartnäckig, präzise und immer mit einem Auge für Beständigkeit. Das sieht man bei Bollinger, wo Tradition und Technologie weiterhin Hand in Hand gehen. Bei Mumm, das auch jetzt, wo der Verkauf ansteht, an seinem frischen, direkten Stil festhält. Oder bei Charles Heidsieck, wo der Ausbau im Keller zu einer Kunst erhoben wird.
Wer heute eine Flasche aus einem dieser Häuser öffnet, schmeckt nicht nur Champagner. Man schmeckt ein Stück Geschichte. Eine Geschichte von Einwanderung, Integration und Innovation. Und wie schön ist es, dass eine Region, die so emblematisch für Frankreich ist, ihren Weltruhm zum Teil Menschen von jenseits der Grenze verdankt? Die deutschen Namen in der Champagne erinnern uns daran, dass großer Wein nicht nur vom Boden kommt, sondern auch von der Vision. Und dass Geschmack keinen Reisepass braucht.



































